FiFis PLATTE

Lea Wilson, 2021

© Lea Wilson, 2021

Die ganze Welt zuhause

19.09.–30.10.2021

FiFis Platte – Die Ganze Welt zuhause ist ein Kunstprojekt, daß die Sicht auf dringenden Themen des Zusammenlebens in der Stadt aus der Sicht der Tiere thematisiert.

FiFis Platte ist ein Projekt von Studio Bosch und eine Zusammenarbeit der Künstlerin Susanne Bosch und der Filmemacherin Ulrike Zimmermann. Im Herbst 2021 wurde der Brunnenplatz im Ostseeviertel in Berlin-Neu-Hohenschönhausen für sechs Wochen zu einem Treffpunkt, an dem das Zusammenleben von Menschen und Tieren im Stadtraum aus einer ungewohnten Perspektive in den Blick kam.

Ausgehend von FiFis gezeichneter Dreiraumwohnung auf dem Brunnenplatz entwickelte Studio Bosch eine sechsteilige Kunstaktion im öffentlichen Raum. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich das Zusammenleben in einem urbanen Wohngebiet verändert, wenn wir auch die Tiere als Teil der Nachbarschaft ernst nehmen: Haustiere, wilde Tiere, Kulturfolger und unerwünschte Mitbewohner:innen.

FiFis Platte war bewusst offen, einladend und publikumsnah angelegt. Viele Anwohner:innen, Passant:innen, Fachleute, Initiativen und weitere Beteiligte wirkten mit und machten das Projekt zu einem lebendigen Ort des Austauschs. Die große Resonanz vor Ort zeigte, wie stark künstlerische Formate im Stadtraum wirken können, wenn sie mit Humor, Neugier und konkreter Ansprache arbeiten. Begleitet wurde die Reihe von kurzen Videominiaturen und Ankündigungen, die die Themen der einzelnen Wochen aufgriffen und weitertrugen.

Das Wau-Wow-Hundefest

Der Auftakt von FiFis Platte widmete sich den Hunden des Viertels und ihren Menschen. Aus ersten Beobachtungen, Begegnungen und Recherchen vor Ort entwickelte sich die Idee, mit einem Hundefest zu beginnen. So entstand ein ebenso spielerischer wie genauer Einstieg in die Auseinandersetzung mit den Tieren des Ortes und mit den Beziehungen, die Menschen zu ihnen aufbauen.

 

Notknochen

Die Veranstaltung Notknochen entstand in Zusammenarbeit mit erfahrenen Ehrenamtler:innen der Tiertafel e. V. am Prerower Platz. Im Zentrum stand die Frage, was geschieht, wenn finanzielle Not das Zusammenleben mit einem Haustier erschwert. Damit rückte ein Thema in den Fokus, das im Alltag vieler Menschen eine große Rolle spielt und zugleich selten öffentlich sichtbar wird. Insgesamt geben deutsche Tierhalter*innen rund 10,7 Milliarden Euro jährlich für ihre tierischen Begleiter aus. Damit verbunden sind rund 210.000 Vollzeitarbeitsplätze. In unserem interaktiven Spiel setzten wir uns mit der Wirtschaftlichkeit des Haustierbesitzes auseinander. Müssen wir das Haustier abschaffen, wenn das Geld nicht reicht?

 

 

R.I.P. Ruhe in Frieden

Mit R.I.P. Ruhe in Frieden richtete sich der Blick auf den Tod von Tieren und auf die Formen, in denen Menschen ihrer verstorbenen Tiere gedenken. Ausgangspunkt war unter anderem ein Besuch beim Bestatter des Tierfriedhof des Tierheims in Falkenberg. Die Veranstaltung machte sichtbar, wie eng Tiere in emotionale, familiäre und gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden sind.

 

Tiervergrämung

Tiervergrämung beschäftigte sich mit Ratten und Tauben sowie anderen unerwünschten Kulturfolgern. Denn es gibt Tiere, die polarisieren die Menschen extrem. Oft sind es unsere besten Kulturfolger, d.h. diejenigen wilden Tiere, die es gelernt haben, sich dem Menschen anzupassen und damit uns immer nah zu sein. Diese kulturelle Lernleistung von meist hochintelligenten sozialen Tieren gefällt manchen Menschen, auch Kulturen,  und anderen überhaupt nicht.  FiFis Platte lud ein, die Argumente abzuwägen, die Perspektiven zu wechseln und das Phänomen besser zu verstehen. Dabei spielte auch die Frage nach den Migrationsgeschichten von Menschen und Tieren eine Rolle: Wie bewegen sich Lebewesen durch Städte, unter welchen Bedingungen werden sie aufgenommen, geduldet oder verdrängt, und was sagt das über unsere Vorstellungen von Zugehörigkeit aus? Eine dialogische Performance vor Ort, geführt aus den Perspektiven einer Taube und einer Ratte, eröffnete diese Auseinandersetzung auf ebenso humorvolle wie zugespitzte Weise. Die anschließenden Gespräche mit Anwohner*innen waren lebhaft und direkt und zeigten, wie eng Fragen von Nachbarschaft, Ordnung, Angst und Zusammenleben miteinander verbunden sind.

 

 

 

Wilde Tiere in unmittelbarer Nachbarschaft. Klappe halten! Hingucken!

Diese Tier-Forschungstour führte gemeinsam mit dem Forstsachverständigen und Kartografen Felix Hädrich durch die Gartenanlagen und angrenzenden Grünräume des Viertels. Der Blick richtete sich auf Tiere, die oft übersehen werden, obwohl sie in unmittelbarer Nähe leben. Sie sind immer da, wir bemerken sie nur oft nicht. Die Veranstaltung schärfte die Wahrnehmung für die Vielfalt des urbanen Lebensraums. Was wir nicht kennen, sehen und erkennen wir nicht. Artenvielfalt in unserem Umfeld hängt sehr davon ab, wie wir als Menschen mit diesen behutsam umgehen. Aber was man nicht kennt, kann man auch nicht behüten. Oder respektieren. FiFis Platte lud zu einer Naturexkursion ein.

 

 

Animals for Future

Den Abschluss bildete Animals for Future, eine 90-minütige Performance im öffentlichen Raum. Menschen demonstrierten gemeinsam, still und wortlos wie die Tiere, aber in bildwirksamer Präsenz. Was gilt es hier zu verteidigen, was gehört gesagt, getan, gerettet, verändert? Was kann gesagt werden in die Welt über das Zusammenleben von  Mensch und Tier im urbanen Umfeld von Neu-Hohenschönhausen? Sechzehn Tiere – darunter Doggen, Pudel, Dalmatiner, Hühner, Hähne, Tauben, Ratten, Falken und Füchse – traten in einem stillen Lamento in Erscheinung, begleitet von einem Dudelsackspieler Mac Gregory. So endete FiFis Platte mit einem starken, gemeinschaftlichen und bildmächtigen Schlussakkord.

 

 

 

Mit FiFis Platte entwickelten Susanne Bosch und Ulrike Zimmermann ein künstlerisches Format, das Recherche, Begegnung, filmische Vermittlung und direkte Ansprache im öffentlichen Raum miteinander verband. Das Projekt steht exemplarisch für eine Arbeitsweise, die ortsbezogen, dialogisch und offen für Beteiligung ist.

FiFi’s flat

The whole world at home

Art in public, Berlin Neu-Hohenschönhausen
19 Sept 30 Oct 2021

The nameplates in the Ostsee Quarter should actually be supplemented, because there lives Mrs. Müller with Hasso, Mr. Van Bo with Pauo and Petra with Kuschel. And there are also the unwanted animals that seek out and love people; like mosquitoes, rats, snails and spiders, that exist together with 60,000 people in the Ostsee Quarter. Here is the whole world at home.

The artist Susanne Bosch explored the coexistence of such diverse living beings. For six weeks in September and October 2021, she roamed the Ostsee Quarter,visited people and their animals and invited them to an event every Friday on the Brunnenplatz. The meeting place was in the floor drawing of FiFi’s three-room apartment. Here, residents experienced w weekly stories from FiFi’s life. Each week, FiFi represented a different animal species and its perspective. The project ‘Art in public’ at Prerower Platz, Berlin, was initiated by the Advisory Committee for Art of the Senate Department for Culture and the Arts Berlin as a model project by the district office of Lichtenberg in cooperation with the commission Kunst am Bau im Stadtraum Lichtenberg.

Year

2021

Susanne's Involvement

Artist

Category
Practice, Public Art
Tags
Conviviales Miteinander, Haustiere, Invasive Arten, Koexistenz, Kunstprojekt, Zusammenleben