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    Susanne Bosch  
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Who Pays, 2005, Neonschrift, RELAX (chiarenza & hauser & co)


Installationsansicht, ©S.Bosch, 2017

 10. Februar – 21. Mai 2017

Ovidiu Anton – Gianfranco Baruchello – Joseph Beuys – Susanne Bosch – Marcel Broodthaers – Filipa César – Felix Gonzalez-Torres – David Hammons – Diango Hernández – Thomas Hirschhorn – Anja Kirschner & David Panos – Alicja Kwade – Thomas Lehnerer – Mark Lombardi – RELAX (chiarenza & hauser & co) – Christof Salzmann

„Kunst = Kapital“, formulierte Joseph Beuys. Damit fasste er sein Weltverständnis in eine knappe Formel: «Die einzige revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität.» Darin verbirgt sich der Gedanke, dass jeder Mensch durch sein kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und gestalterisch in die Gesellschaft hineinwirken kann. Die notwendigen Fähigkeiten – Spiritualität, Offenheit, Kooperation und Kreativität – seien in jedem Menschen bereits vorhanden, es gelte lediglich, diese Vermögen zu erkennen, auszubilden und zu fördern. Ausgehend vom Beuys’schen Kapitalbegriff blickt die Ausstellung Who Pays? auf sich verändernde Geld- und Kapitalvorstellungen und einen damit einhergehenden Wandel von Bedeutungen und Werten. Who Pays? versammelt künstlerische Positionen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Sie ermöglichen es, aus unterschiedlichen Perspektiven unseren Vorstellungen von Reichtum und Armut, von Geben und Nehmen sowie von Teilhabe, die heutzutage zumeist auf rein ökonomische Aspekte reduziert werden, nachzugehen.

„Es bewegt sich alles so sehr.“ Dieser Satz der Schriftstellerin Gertrude Stein, den sie im Zusammenhang mit dem schnellen Wandel der Sprache im Elisabethanischen Zeitalter niederschrieb, kann auch die heutigen rasanten Veränderungen umschreiben. Unsere westlich geprägten Gesellschaften befinden sich in einem grundlegenden Umbruch. Nicht nur steigende Raten von Burnout und Depressionen zeugen von tiefliegenden Ängsten, sondern auch ein sich abzeichnendes Bedürfnis nach Abschottung und nach Bewahrung von Gütern und Werten. All dies im Wissen, dass wir mehr Ressourcen verbrauchen als die Erde generieren kann. Demgegenüber finden sich vielfältige Ansätze, welche Potentiale und Chancen für eine nachhaltigere Zukunft sehen. Welche Rolle spielt dabei das Wesen des Kapitalbegriffs? Und welche „kapitale“ Rolle kann die Kunst spielen? Der Titel der Ausstellung Who Pays? – Wer bezahlt? – basiert auf einem leuchtenden Schriftzug der KünstlerInnengruppe RELAX (chiarenza & hauser & co) und richtet sich an jeden Einzelnen.

Teil der Ausstellung Who Pays? ist eine vielfältige Zusammenarbeit mit anderen Institutionen.

Das artsprogram der Zeppelin Universität, Friedrichshafen, kuratiert in einem Beuys gewidmeten Raum das Archiv für Soziale Plastik. Anfang der 1970er-Jahre fand sich in Achberg im Allgäu eine Gruppe zusammen, die unter dem Begriff Der Dritte Weg nach alternativen Gesellschaftsmodellen suchte. Hier wurden bis heute wirksame gesellschaftliche Impulse entwickelt und dabei erarbeitete Beuys sein Konzept des erweiterten Kunstbegriffs. Die vom Verleger Rainer Rappmann dazu gesammelten Materialien dokumentieren in einem für die deutsche Nachkriegsgeschichte wichtigen Archiv jene Aufbruchsstimmung der 1970er- und 1980er-Jahre. Für den Beitrag zur Ausstellung Who Pays? untersuchte der Künstler Christof Salzmann die historische Sammlung im Hinblick auf den Geld- und Kapitalbegriff bei Beuys.

Im Rahmen der Ausstellung werden die Aktivitäten der Zukunftswerkstatt Liechtenstein ins Kunstmuseum Liechtenstein verlegt. Im Seitenlichtsaal entsteht ein flexibel gestaltbarer Aktionsraum. Mittels Aktivitäten und Veranstaltungen werden alternative Formen des Arbeitens und Wirtschaftens erlebbar gemacht. Ergänzt durch den Wanderkiosk, eine temporäre Architektur zum Beleben von öffentlichem Raum, entsteht ein Ort, der zum Verweilen einlädt und auf verschiedenste Weise genutzt werden kann. Als modularer Freiraum ist der Wanderkiosk dafür ausgelegt, das soziale und kulturelle Potential bzw. das „Kapital“ zu erkunden und regt zur Reflektion über Geld und Ideen des Tauschens und Teilens an. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, diesen Raum zu bespielen.

Darüber hinaus ist das reichhaltige Begleitprogramm getragen von weiteren Kooperationen:Haus Gutenberg, Balzers, das sein gesamtes Jahresprogramm dem Thema Schweigen ist Gold – reden wir über Geld! widmet, Liechtensteinische Kunstgesellschaft, Filmclub im Takino, Schaan, TAK Theater Liechtenstein, Schaan, Dialogprojekt Arbogast, Götzis, planoalto Institut, St. Gallen, und TALENTE Vorarlberg. 

www.whopays.li

Who Pays?
“Art = Capital”, as Joseph Beuys puts it. This succinct formula sums up his understanding of the world: “The only revolutionary force is the power of human creativity.” Behind this lies the idea that every human being can contribute to the common good and have a formative effect on society by means of his creative action. The necessary skills – spirituality, open-mindedness, cooperation and creativity – are inherent in every human being, all that is needed, Beuys claims, is to recognise, train and encourage these faculties. Based on the Beuysian notion of capital, the exhibition Who Pays? takes a look at changing ideas of money and capital and the associated transformation of meanings and values. Who Pays? brings together a number of artistic positions from the 1960s to the present. They allow us to examine our notions of wealth and poverty, of give and take, and of participation from different angles, concepts that nowadays are mostly reduced to purely economic aspects. “Everything is so very much in motion.” These words written by the author Gertrude Stein in the context of the rapid change of language in the Elizabethan age can also be taken to describe today’s fastpaced changes. Our Western societies are in a state of fundamental upheaval. Not only rising rates of burnout and depression testify to deep-lying anxieties, but also an emerging need for seclusion and safeguarding assets and values. All this in the knowledge that we are using up more resources than Earth can generate. On the other hand we see many and diverse approaches that see potentials and opportunities for a more sustainable future. What is the role of the concept of capital in this context? And what “capital” role can art play? The title
of the exhibition Who Pays? is based on a fluorescent sign created by the artist group RELAX (chiarenza & hauser & co) and addresses every single individual. An integral part of the show Who Pays? is a diverse cooperation with other institutions.
The artsprogram of Zeppelin University, Friedrichshafen, curates the Archive of Social Sculpture in a room dedicated to Beuys. At the beginning of the 1970s a group formed in Achberg in the Allgäu whose aim – under the heading The Third Way – was to try to find alternative models of society. They devised social ideas that remain of
influence today, with Beuys elaborating his extended concept of art. The material collected by publisher Rainer Rappmann documents that atmosphere of new beginnings in the 1970s and 1980s in an archive of great importance for post-war German history. For his contribution to the exhibition Who Pays?, the artist Christof Salzmann examined the historical collection with regard to the concept of money and capital in Beuys’s work.
As part of the exhibition, the Zukunftswerkstatt Liechtenstein will be relocating its activities to Kunstmuseum Liechtenstein. An action space for flexible use will be installed in one of the exhibition rooms. By means of activities and events, the aim is to allow visitors to experience alternative forms of work and economic activity. Together with the Wanderkiosk, a temporary architecture intended to enliven public
space, the aim is to create a place that invites people to stay a while and that can be used for a variety of purposes. As a modular open space, the Wanderkiosk is designed to explore the social and cultural potential and “capital”, encouraging us to reflect on money and ideas of exchange and sharing. Visitors are invited to use this space for
various purposes.
In addition, the full supporting programme draws on further cooperations: Haus Gutenberg, Balzers, that has chosen Silence is Golden – Let’s Talk About Money! as its topic for 2017, Liechtensteinische Kunstgesellschaft, Filmclub im Takino, Schaan, TAK Theater Liechtenstein, Schaan, Dialogprojekt Arbogast, Götzis, planoalto Institut, St. Gallen, and TALENTE Vorarlberg.
www.whopays.li

Kleingeld, LED-Display Leihgabe der Künstlerin

Zwischen 1998 und 2002 sammelte die Künstlerin Susanne Bosch mit der Restpfennigaktion – Weil jeder Pfennig Teil einer grossen Idee ist deutschlandweit insgesamt 13 Tonnen Münzen. Die Idee: In öffentlichen und privaten Stellen gesammeltes Kleingeld könnte zur Realisierung unerfüllter Ideen und Wünsche eingesetzt werden. Brachliegendes geistiges Kapital in Form von Wünschen, Ideen und Visionen sollte so durch das ebenso brachliegende ökonomische Kapital nutzbar gemacht werden. Parallel zum Sammeln der Restpfennige gingen 1601 Ideen und Wünsche bei der Künstlerin ein, die allesamt dokumentiert wurden. Teil des Konzepts war es, dass die Teilnehmenden über den Einsatz des gesammelten Geldes entscheiden. Eine Kommission aus zwölf per Losverfahren ermittelten Personen entschied letztlich für die Umsetzung von vier Wunschprojekten. In der vierjährigen Laufzeit des Projektes haben sich schätzungsweise 500 Freiwillige aktiv beteilig.
Mit der Restpfennigaktion als künstlerische Arbeit im öffentlichen Raum geht es Bosch explizit nicht darum, in ihrer Rolle als Künstlerin Entwürfe oder Vorschläge zur gesellschaftlichen (Um)Gestaltung zu machen. Vielmehr zielt die Arbeit auf eine Einbringung des kreativen Potentials aller Beteiligten in den öffentlichen Diskurs als eine Nutzung bisher ungenutzter gesellschaftlicher Ressourcen. „Mir ging es darum herauszufinden, ob diese einfache, archaische Kinderidee so viel Begeisterung auslöst, dass Menschen bereit sind, diese Geste zu vollziehen: Aus vielen kleinen Pfennigen, die alleine nichts wert sind, ein gemeinsames Grösseres wachsen lassen zu lassen.“ Susanne Bosch
258 kg Münzen liegen in der Ausstellung als Modifikation von Wunsch 1428 aus. Dies ist der Wunsch 1428, der als einer der vier Wünsche umgesetzt wurde: „Ich würde den Restpfennigberg skulptural als Symbol oder Objekt im öffentlichen Raum lassen, in den vorhandenen Kuben und mit Kunstharz ausgegossen. Als Symbol für die Bevölkerung und Masse an Leuten, die teilgenommen haben, soll es stehen. Die Menge Geld wird wohl nicht so gross sein, dass man tatsächlich etwas Grossartiges machen kann, aber der Restpfennigberg, der kann als grossartiges Symbol wirken. Er zeigt auch, was möglich gewesen wäre. Es ist ein Symbol der unzähligen kleinen Stücke. Der Ausstellungsort müsste ein stark frequentierter sein, deutschlandweit bekannt. Der Platz vor dem Palast der Republik in Berlin, der Alexanderplatz in Berlin, vielleicht sollten die Boxen da stehen bleiben, wo sie jetzt sind.“
Die Künstlerin stimmte zu, ca. eine Badewanne voll Münzen als symbolischen Restpfennigberg zu behalten, der zu Ausstellungszwecken gezeigt werden kann.
Text: Nico Stockmann, Januar 2017
(http://www.restpfennig.com/htdocs/t_geschichte.html)